Globale Entmannung
von Luise F. Pusch
In einem Interview wurde mir neulich folgende Frage gestellt:
Wenn Sie die Zeit von ihrem Buch Das
Deutsche als Männersprache (1984) bis heute betrachten - wie sieht
Ihre Sprach-Bilanz aus? Sind aus Ihrer Sicht deutliche Fortschritte erkennbar
oder hat sich nach einer Phase gesteigerten Bewußtseins wieder alles
zum Gewohnten
gekehrt?
Meine Antwort:
Teils - teils. Ein deutlicher Fortschritt ist die Tatsache,
daß das Maskulinum nicht mehr das ist, was es einmal war. Vor der feministischen
Sprachkritik hieß es "Sie ist Kaufmann, Ratsherr, Amtmann", undsofort.
Das Publikum, meist zur Hälfte weiblich, wurde angeredet als "Liebe Leser,
liebe Zuhörer, liebe Wähler und Bürger draußen im Lande."
Das geht heute so nicht mehr, da sind mann und frau sensibel geworden. Wir
werden angeredet als "Liebe Leserinnen und Leser" und eine Frau ist Kauffrau
oder Ratsfrau, ganz selbstverständlich. Und das Pendant ist der "Hausmann",
der früher noch ganz lächerlich wirkte.
Außerdem gibt es verbindliche Richtlinien für
einen "geschlechtergerechten Sprachgebrauch", dem zumindest die Amtssprache
in der Bundesrepublik verpflichtet ist, z.B. in Formularen, Gesetzestexten
undsoweiter.
Andererseits sind wir alle träge. Überdies gehört
unsere Sprechweise zu unserem Intimbereich, in den wir uns nur sehr ungern
hineinreden lassen. Geschlechtergerechte Sprache (ich nenne sie ja lieber
nur "gerechte Sprache") bedarf der Einübung und der Bewußtheit.
Und wir sprechen lieber und besser, wenn wir uns der Sprache beim Sprechen
nicht bewußt sind. Es gibt also ein paar ganz natürliche Bremsen
gegen den Sprachfortschritt.
Und schließlich gibt es den von Männern in allen
Machtbereichen gehegten und geschickt geschürten Widerwillen gegen die
"Emanzen". Das war zu allen Zeiten so und gilt ganz allgemein, wenn eine Gruppe
in ihrer Macht eingeschränkt werden soll. Auch der französische
Adel ließ sich nur ungern köpfen, um ein drastisches Beispiel zu
nennen. Die Frauenbewegung ist ja schon uralt, die organisierte begann in
weiten Teilen Europas etwa um 1850 und stieß auf härtesten Widerstand.
Aber inzwischen dürfen Frauen hier doch wählen, ihr Geld selbst
verwalten und die höhere Schule besuchen, sogar die Universität.
Das war früher bei uns alles verboten - und in anderen Teilen der Welt,
siehe Saudi-Arabien, Kuwait und andere arabische Länder, immer noch.
Aber die Gerechtigkeit ist letztlich nicht aufzuhalten, wenn es auch immer
wieder Rückschläge und erbitterten Widerstand gegen sie gibt.
Soweit der Auszug aus diesem Interview. Inzwischen habe
ich gelegentlich weiter über die Zukunft der feministischen Sprachkritik
und -politik nachgedacht. Hier mein vorläufiges Ergebnis:
Ich meine, die feministische Sprachkritik hat zur sexistischen
Grammatik das Wesentliche schon vor einem Vierteljahrhundert gesagt, in Europa
etwa in der Zeit ab Mitte der siebziger bis Mitte der achtziger Jahre. In
den fast zwanzig Jahren danach ging es folgerichtig nicht mehr um theoretische
Fundierung, sondern um die Durchsetzung feministisch-linguistischer Forderungen
in der Praxis. Diese Forderungen lassen sich in einem handlichen Spruch zusammenfassen:
Frauen wollen sprachlich gewürdigt werden und sprachlich sichtbar sein.
Leicht erschließbar ist hier die
gängige Sprachpraxis, gegen die sich der Satz richtet: Frauen werden
nach Möglichkeit sprachlich unsichtbar gemacht - dabei half traditionell
die sexistische Grammatik, die etwa vorschreibt, daß aus 99 Sängerinnen
und einem Sänger zusammen 100 Sänger werden. Wo das nicht geht,
werden sie als "Gruppe" (immerhin sind wir die Mehrheit, da ist der Ausdruck
Gruppe schon seltsam) systematisch herabgewürdigt, lächerlich gemacht,
verunglimpft in einer Weise, die für keine andere gesellschaftliche Gruppe
toleriert würde.
An dem politischen Prozeß der Durchsetzung einer gerechten
Sprache waren und sind in erster Linie frauenbewegte Frauen beteiligt, in
allen gesellschaftlichen Bereichen. Die Sprache in den Kirchen, in Politik
und Medien hat sich entsprechend frauenfreundlich entwickelt. Am harthörigsten
reagierte erwartungsgemäß der "militärisch-industrielle Komplex",
wozu wir heute getrost auch die Universität rechnen dürfen.
In den Einzelsprachen geht dieser Prozeß weiter. Ähnlich
wie Engagement und Wachsamkeit der Friedens- oder der ökologischen Bewegung
(leider) weiterhin gefordert sein werden angesichts weiterhin aktiver gegenläufiger
Strömungen - ähnlich wird vermutlich auch die Frauenbewegung und
mit ihr die feministische Sprachpolitik noch für Jahrzehnte, wenn nicht
Jahrhunderte, zu tun haben.
Aber die Einzelsprachen sind heute - ganz anders als zu
Beginn der zweiten Frauenbewegung vor über 30 Jahren - alle einbezogen
in den Prozeß der Globalisierung.
Ich denke, daß die Kinder der Welt mit Ausnahme der
englischsprachigen in Kürze zweisprachig werden aufwachsen müssen,
um sprachlich, wirtschaftlich und politisch auf dem "globalen Markt" mithalten
zu können. Später einmal mag sich die Weltpolitik - den Mehrheitsverhältnissen
entsprechend - dahin wandeln, daß die für alle WeltbürgerInnen
verbindliche Verkehrssprache nicht Englisch, sondern Chinesisch ist.
Zufällig ist es nun so, daß die Grammatik des
Englischen (und auch des Chinesischen) weniger sexistisch und damit leichter
therapierbar ist als die Grammatik der europäischen Genus-Sprachen, die
bekanntlich dem Maskulinum die Krone zuerkennen. Englisch und Chinesisch dagegen
besitzen überhaupt kein Genus und somit auch kein grammatisches Maskulinum!
[Zur Veranschaulichung: Auf Deutsch gehört jedes Substantiv einem der
drei Genera bzw. Klassen Femininum, Maskulinum und Neutrum an: DIE Lehrerin,
DER Lehrer, DAS Klassenzimmer, auf Englisch gibt es statt der, die das nur
the: the teacher, the classroom.]
Kurz, unser Kampf für eine nichtsexistische Grammatik
wird möglicherweise von einer Seite unterstützt werden, von der
wir Frauen es wohl zuletzt erwartet hätten - der fortschreitenden Globalisierung.
An dieser Stelle kommt bei Diskussionen unweigerlich die
Frage: Ja glauben Sie denn etwa, daß es den Frauen in China, England,
Kanada, Australien und den USA besser geht als in anderen Ländern?
Antwort: Nein, nicht unbedingt. Aber in einem Punkt geht
es ihnen sicher besser: Der Sexismus der Kultur, in der sie leben, wird nicht
auch noch massiv durch die Grammatik unterstützt, denjenigen Teil der
Sprache, der den meisten unbewußt bleibt und der daher in seiner Wirkung
am gefährlichsten ist.
Allerdings: Es gibt in diesen Sprachen auch kein Femininum.
Frau und Mann sind auf Innovationen und lexikalische Mittel (etwa wie in male
nurse und woman astronaut, girlfriend und boyfriend) angewiesen, um von sich
reden zu machen. Da Frauen sprachlich begabter sind als Männer, haben
wir eine gute Chance. Wie schon der alte Cato sagte: Wenn wir die Frauen gleichstellen,
sind sie uns überlegen.
luise.f.pusch@gmail.com |
stand: 06.05.2009
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